mbs019: Kuh

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Timm
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Jörg Metes

In der 19. Minute werden Jesse und Celine an ein Theaterstück eingeladen.

Gast: Jörg Metes, Erfinder einer Kuh.

Show Notes

Flyer des Stücks “Bringt mir die Hörner von Wilmingtons Kuh”

Interview mit Jörg Metes

Danke, dass Sie sich Zeit nehmen. Könnten Sie sich kurz vorstellen?

Jörg Metes, Autor für komische Zwecke. Ich habe angefangen vor 40 Jahren als Autor und Redakteur der “Titanic”, war dann noch Chefredakteur Ende der 80er Jahre, und bin dann in dieser Szene geblieben als Autor für Fernsehsender, Cabarettisten, Zeitschriften, Bücher.  Ich bin meistens im Hintergrund, manchmal trete ich aber auch selbst auf. So vergehen die Jahrzehnte! Aber es bleibt immer mehr oder weniger im Komischen.

Wovon handelt “Bring mir die Hörner von Wilmingtons Kuh” – oder heisst es “Bringt mir die Hörner”?

Bring oder bringt… gute Frage! Ich glaube “Bring mir die Hörner”, in Anlehnung an “Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia”, ein alter Film. Das ist ein auch sehr komisches Stück, das im Jahr 1892 im Rahmen des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs spielt. Ein alternder Revolverheld soll eine einzelne Kuh quer durch die USA treiben und weiss nicht warum – aber er macht es,  er wird bezahlt, es ist peinlich für ihn. Er wird begleitet von einer jungen Frau, die er unterwegs aufgabelt und einem alten Assistenten. Unterwegs passieren seltsame Dinge: Sie werden von Leuten verfolgt, die ihnen die Kuh wieder abjagen wollen – sie wissen nicht warum. Sie treffen auf andere Revolverhelden, auf mexikanische Banditen, auf Indianer auf dem Kriegspfad, und landen am Ende auf einer Wahlkampfveranstaltung, wo sich das ganze Rätsel auflöst: Was die Kuh mit dem Wahlkampf zu tun hat, warum sie verfolgt werden und warum das alles so wichtig ist.

Also eigentlich ein Road Movie mit Kuh.

Genau, ein Road Movie, der auch aufgeführt wurde in der “Remise”. Das war  ein altes Strassenbahndepot in Wien, und das Stück war für diese Location konzipiert. Das heisst, die Zuschauer wanderten mit durch die Halle zu den verschiedenen Stationen. Das ist dann auch der Grund, weshalb dieses Stück dann nie wieder aufgeführt wurde (lacht): Es braucht 36 Hauptrollen plus Statisten, und für solche Stücke gibt es keinen Markt. Die Truppe, die das aufführte, war der “Sparverein die Unzertrennlichen”. Das war eine Gruppe von Laienschauspielern unter der Leitung eines Theatermannes, Kurt Balm – Grafiker, Maler, Musiker, Journalisten, die über viele Jahre Stücke an ungewöhnlichen Orten inszeniert haben. Es hatte einen Happening/Event-Charakter. Es war auch ein Stück mit Effekten, die ein normales  Theaterstück sonst nicht hat. Die Schauspielenden waren auch sehr gut, es ging immer ins Komische. Man merkt, dass wenn solche Leute etwas aufführen, dann ist ein grösserer Spass dabei. Der Sparverein war auch Kult in Wien.

Was waren die zentralen Themen des Stücks?

Themen sind Journalismus – ein Journalist wird ganz am Anfang erschossen, und am Ende tauchen auch wieder ganz viele Journalisten auf. Politik, Wahlkampf, Impotenz, Rinderwahnsinn, und natürlich wie in jedem Western: Das Ende des Westerns, dass es nicht mehr so ist wie früher und Revolverhelden in der neuen Welt keinen Platz mehr haben.  Es ist in jeder einzelnen Szene eine Parodie auf bekannte Westernmotive. Es sterben auch Leute. Der Journalist, der am Anfang stirbt, war der erste Mensch, den ich beim Schreiben umgebracht habe. Da war ich richtig von mir selbst erschüttert. Aber am Ende ist es alles lustig.

Wie ist das Stück entstanden?

Ich pendelte damals zwischen Frankfurt, München und Wien beruflich umher, kannte den Sparverein seit Langem, und sie wollten einen Western. Dann habe ich gesagt: “Gut, dann schreibe ich euch diesen Western.”. Geschrieben habe ich es wohl im Frühjahr 1994, im Sommer wurde es eingeübt und in dieser Zeit kam eben Linklater in die Stadt zum Drehen. Er suchte durch seine Scouts Statisten. Diese Botschaft geriet dann in die Szene des Sparvereins, und einige Leute daraus haben in Hintergrundszenen mitgemacht, im Café zum Beispiel. Und in einer dieser Szenen sind eben Bruckschwaiger und Rubinowitz – übrigens tatsächlich auf dem Weg zur Probe. Rubinowitz hat die Kuh gespielt, eine stumme Rolle, und Bruckschwaiger spielte den Indianer Schwimmender Fisch.

Die Kunst imitiert sozusagen das Leben.

Seltsamer Zufall. Ich war während dieser Zeit nicht mehr in Wien, aber mir wurde erzählt, dass alle sehr begeistert waren, in einem Linklater-Film Statist sein zu können.

Was ist Ihre Meinung zum Film?

Anrührend, komisch – es ist eben das Wien, wie man es damals lebte. In der Rückschau ist Wien heute auch nicht mehr so. Sehr schöne, stimmungsvolle Momente, die auch zu Wien passen. Mir gefällt er gut.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Aktuell arbeite ich an nicht mehr ganz so komischen Dingen, sondern teilweise eher investigativ. Zum einen arbeite ich an einem komischen Projekt über Hirnforschung als auch an einem ernsten. Beim einen wird es ein Bühnenprogramm für einen Kollegen, beim anderen geht es um den Schwindel, der mit Hirnforschung betrieben wird – im Sinne von “Hirnforscher haben herausgefunden, dass man als Hirnforscher einfach alles behaupten kann.” Ansonsten schreibe ich immer im Hintergrund für Leute, die auf der Bühne stehen.

Herzlichen Dank, dass Sie sich für Minutes Before Sunrise Zeit genommen haben!

Interview with Jörg Metes, author of the play “Bring Me The Horns Of Wilmington’s Cow” (translation from German)

Thank you for your time. Could you introduce yourself?

Jörg Metes, author for funny purposes. I started 40 years ago as an author and editor of “Titanic” magazine, became editor-in-chief at the end of the 80s, and stayed in this scene as an author for television stations, cabaret artists, magazines and books.  I am mostly in the background, but sometimes I also perform myself. That’s how decades pass! But it always remains more or less funny.

What is “Bring me the horns of Wilmington’s cow” about ?

“Bring me the horns”, in the style of “Bring me the head of Alfredo Garcia”, an old film. It’s a funny play that takes place in 1892 during the an American presidential election campaign. An aging gunslinger is supposed to lead a single cow across the USA and doesn’t know why – but he does it, he gets paid, but it’s embarrassing for him. He is accompanied by a young woman whom he picks up on the way and an old assistant. Strange things happen on the road: They are followed by people who want to take the cow from them again – they don’t know why. They meet other gunslingers, Mexican bandits, Native Americans on the warpath, and end up at an election campaign event where the whole mystery is solved: What the cow has to do with the campaign, why they are followed and why it’s all so important.

So it’s a road movie with a cow.

Exactly, a road movie that was performed in the “Remise”, an old tram depot in Vienna. The piece was conceived for this location. That means the audience walked through the hall to the different stations. Tha’s also the reason why this play was never performed again (laughs): It casts 36 leading roles plus extras, and there is just no market for such plays. The troupe that performed it was the “Sparverein die Unzertrennlichen”. This was a group of amateur actors under the direction of a theatre man, Kurt Balm – it featured graphic artists, painters, musicians and journalists who have staged plays in unusual places for many years. It had a happening or event character. It was also a play with effects that a normal play doesn’t usually have. The actors were also very good, it was always funny. You notice that when such people perform something, there’s more fun in it. The Sparverein was quite famous in Vienna.

What were the central themes of the play?

The main theme are journalism – a journalist is shot at the very beginning, and in the end many journalists appear again – politics, election campaigns, impotence, mad cow disease, and of course, as in every Western: the end of the Western, that it is no longer like it used to be and gunslingers no longer have a place in the new world.  Every scene is a parody of well-known Western motifs. People also die. The journalist who dies at the beginning was the first person I killed while writing. I was really shaken by myself. But in the end it’s all funny.

How did the play come about?

Back then I commuted professionally between Frankfurt, Munich and Vienna, had known the Sparverein for a long time, and they wanted a Western. Then I said: “Good, then I’ll write you a Western”. I wrote it in the spring of 1994, it was practiced in the summer, just when Linklater came to the city to shoot. He searched for extras through his scouts. This message then got into the scene of the Sparverein, and some people from it took part in background scenes, in the café for example. And in one of these scenes Bruckschwaiger and Rubinowitz are on their way to rehearsal. Rubinowitz played the cow, a silent role, and Bruckschwaiger played the Native American Swimming Fish.

Art imitates life, so to speak.

Strange coincidence. I wasn’t in Vienna during this time, but I was told that everyone was very enthusiastic about being an extra in a Linklater film.

What is your opinion of the film?

Touching, funny – it’s Vienna as it was lived back then. In retrospect, Vienna is no longer like that. The movie has very beautiful, atmospheric moments that also suit Vienna. I like it a lot.

What are you currently working on?

At the moment I’m working on things that aren’t quite so funny, but rather investigative. On the one hand I’m working on a humorous project about brain research and on a serious one. The first one it will be a stage program for a colleague, on the other it will be about the Shenanigans that are done with brain research – in the sense of “brain researchers have found out that as a brain researcher you can simply assert everything. Otherwise, I write in the background for stage actors.

Thank you for taking the time for Minutes Before Sunrise!

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